In diesem Block werde ich nach und nach Aufzeichnungen und Briefe des ersten Quäkers übertragen. Dies dient nicht der Diskussion, sondern der Information und Nachdenken über das Leben und Wirken eines sehr tiefgründigen Menschen.
(Ich habe bewusst den Schreibstil und die Rechtschreibung übernommen, um ein besseres Gefühl für die Zeit der Entstehung entwickeln zu helfen, der Schreiber)!
Zur Einführung – von Professor D. Paul Wernle 1908
Der Mann, der aus den folgenden Aufzeichnungen zu uns redet, ist schon von seinen Zeitgenossen als ein Rätsel und Geheimnis angestaunt worden. Den einen erschien er als ein Mann, der gewaltig predigte und nicht wie die Schriftgelehrten, den anderen als ein Verrückter, der selber andere verhexen könne. Man erzählte von ihm, er schlafe in keinem Bett, er könne fliegen, er könne nicht ertrinken und man könne ihn nicht bluten machen, weil er ein Zauberer sei. Sein magische Wirkung auf die Zuhörer erklärten sich die einen daraus, dass er Flaschen bei sich trage und den Leuten daraus zu trinken geben, damit sie ihm nachfolgten, andere meinten, er lege den Leuten Bänder um den Arm. Selbst auf die Tiere gehe eine Kraft von ihm aus: die Hunde mucksen nicht gegen die Quäker. Den Menschen sehe er den Teufel im Gesicht geschrieben; „ durchbohre mich nicht so mit deinen Augen, wende deine Augen ab von mir“, rief ihm ein streitsüchtiger Täufer zu. Anders wirkte er auf eine Frau in Beverly durch eine kurze Ansprache in der Kirche daselbst; sie erzählte nachher, ein Engel oder ein Geist sei in die Kirche gekommen und habe herrliche Dinge von Gott geredet zur Verwunderung aller Anwesenden, und als er geendet habe, sei er verschwunden, sie wisse nicht, woher er gekommen noch, wohin er gegangen sei.
Ein Jahrhundert später hat ihn Voltaire mit Jesus verglichen. Der Vergleich war im Sinne einer Herabsetzung Jesu gemeint. Voltaire glaubte, dass der englische Kanzelredner Tillotson unendlich geschmackvoller als Jesu gepredigt habe; um nun die richtige Analogie für das Bildungsniveau Jesu zu finden, verglich er ihn mit einem ungebildeten Schwärmer und Narren aus der neuen Zeit, mit George Fox.
Unter allem, was Voltaire von Jesu zu sagen weiß, ist dieser Vergleich mit Fox fast das Beste. Allerdings wird sich bei jedem genaueren Zusammenschauen beider die handgreifliche Überlegenheit Jesu aufdrängen müssen, aber die Analogien sind zahlreich und überraschend genug. Es sind beides Laien, die auf Grund einer unmittelbaren inneren Berufung und Erleuchtung sich getrieben fühlen, eine neue Weise, wie man Gott dienen soll, zu verkünden, im Gegensatz zu allem, was gerade von den Frommen ihrer Zeit als göttlich ausgegeben wurde, heißen sie nun Pharisäer oder Puritaner. Auch die wunderbaren Begleiterscheinungen haben sie gemein; Heilkräfte gehen von ihnen aus, selbst auf Sterbende, die von den Ärzten aufgeben sind, Vorahnungen und Gesichte scheinen sie über den Zeitverlauf zu erheben, manche Antworten und Weisungen gibt ihnen direkt der Geist, während sie bei anderen Gelegenheiten durch die Selbstevidenz ihres gesunden Menschenverstandes überraschen. Nächst den Evangelien ist es besonders die Erzählung der Apostelgeschichte, an die man durch Fox erinnert wird. Das beim Gebet erbebende Versammlungshaus in Jerusalem, die Steinigung und Wiederbelebung des Paulus in Lystra, die Gefängnisszene in Philippi mit dem Kerkermeister, die Seefahrt nach Rom mit der Angst der Schiffsleute und der göttlichen Zuversicht des Apostels, alles das wiederholt sich im Leben des Fox mit wenig veränderten Umständen. Man glaubt, in die Tage des Urchristentums zurückversetzt zu sein, nur mit dem Unterschied, dass, was dort erst in der Regel nach Jahrzehnten durch sekundäre Berichterstatter schriftlich aufgezeichnet wurde, hier in einer eigenständigen Niederschrift des Mannes, der all das erlebt hat, uns entgegentritt. Man darf hoffen, dass die neutestamentlichen Exegeten sich künftig diesen Laienkommentar zu den Erlebnissen Jesu und der Apostel nicht entgehen lassen, nicht im Interesse einer kleingläubigen Apologetik, sondern um ihre Einsicht in das, was in einer enthusiastischen Zeit bei einem „Mann Gottes“ möglich ist, zu erweitern und mehr Leben und Farbe der Wirklichkeit in ihre oft so erstaunlich dürftige Auslegerphantasie zu bekommen.
Aber nicht nur für den biblischen Ausleger, für jeden Religionsforscher muss diese Quäkerselbstbiographie von höchster Anziehungskraft sein. Die noch junge Wissenschaft der Religionspsychologie findet hier eines ihrer allerinstruktivsten Dokumente.
Was unsere heutige Religionsforschung vor den früheren Zeiten voraus hat, das ist ja eben die Wendung zu den ursprünglichen religiösen Erlebnissen, während die frühere Forschung allzu lange sich bei der Nachträglichen Verarbeitung dieser Erlebnisse in Dogmen und Systemen aufgehalten hatte. Wir Theologen erkennen heute, das es für uns nichts Wichtigeres gibt, als auf die Personen in der Geschichte zu lauschen, die Gott gehört und gesehen haben, in denen also, wie der technische Ausdruck heißt, Religion aus erster Hand uns vorliegt. Die schönste, fruchtbarste Religionspsychologie der Gegenwart, William James „Religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit“, hat ihren Wert darin, dass sie den Zeugnissen aus erster Hand möglichst unvoreingenommen nachgegangen ist. Zu ihnen gehört als eines der merkwürdigsten eben das „Journal“ des George Fox.
Man kann hier studieren, wie die Bekehrung bei einem Mann Gottes vorgegangen ist. Alle ihre Vorbedingungen lässt er uns erkennen, die Abstammung, das Milieu, den moralischen Habitus vor der religiösen Krisis; nur eins, nicht das Unwichtigste, fehlt in seinen Erinnerungen: die enthusiastische Zeit mit ihren unerhörten weltgeschichtlichen und kirchlichen Umwälzungen, in die Weingartens „Revolutionskirchen Englands“ immer noch die klassische Einführung sind. Dann verfolge man den „Durchbruch“ selbst mit seiner ganze Jahre ausfüllenden Langsamkeit, dem Wechsel der Seligkeitsgefühle mit den furchtbarsten anhaltendsten Depressionen, den vielen pathologischen Begleiterscheinungen bis hin zu dem Höhepunkt der Krisis, da Fox 14 Tage lang wie tot daliegt, so verändert in Aussehen und Gestalt, als ob sein Körper neu gebildet oder verwandelt wäre. Und dann als Folge das souveräne Bewusstsein göttlicher Erwählung und Sendung, das ihn keinen Augenblick in der Seligkeit der Gottesliebe ausruhen lässt, sondern sofort ihn zu den Brüdern treibt, nicht um sie zu bekehren, sondern um das schlummernde Bewusstsein des Gottesgeistes und seiner Kraft auch in ihnen zu wecken. Sein ganzes Leben lang geht ihm dies Pneumatische nach, das die Psychiater so gerne in ihre Domäne ziehen möchten, während es für ihn selber der Geist Gottes gewesen ist: plötzliche stimmen, Gesichte und Gefühle, Heilungen und Bewahrungen der mannigfachsten Art. Die Berichte darüber sind erstklassig wegen der erstaunlichen Schlichtheit und Aufrichtigkeit dieses Berichterstatters, der seine Wunder so natürlich erzählt, dass wir sie zu verstehen glauben, und seine Gesichte und ihre Deutung, resp. Erfüllung so auseinanderhält, dass er uns oft die Mittel der Kritik selber in die Hand gibt. Nur davor darf vielleicht gewarnt werden, sich zu einseitig auf die Sammlung dieser außerordentlichen pneumatischen Erlebnisse zu beschränken. Das königliche Gottvertrauen in all den rasenden Exzessen des englischen Pöbels, in den schauerlichen Kerkern des damaligen Englands, in Seesturm und Seeräubergefahr, in den Wäldern und Sümpfen Nordamerikas breitet das Wunder über sein alltägliches Leben aus. Dieser Mann scheint aus anderem Stoff zu sein und andere Kräfte in sich zu tragen, als wir andere Menschen, wir verstehen, dass man ihn für einen Zauberer hielt, wenn nicht so manche Krankheiten, Hemmungen, und Versuchungen uns wieder daran erinnern würden, dass auch er ein Mensch gewesen ist.
Aber mir ist, als sehe ich ihn schon lange mit merkbarem Grimmseine Erregung darüber bemeistern dass er für uns eine historische Merkwürdigkeit, ein religionspsychologische Objekt geworden sei. Soll das der ganze Wert meines göttlichen Auftrags gewesen sein, euch interessanten Stoff für eure sogenannte Wissenschaft zu geben? Dazu mein Wahrheitszeugnis, meine Kämpfe und namenlosen Leiden, meine Sammlung der Kinder Gottes in aller Welt, damit ihr subtile psychologische und psychiatrische Untersuchungen an mir anstellen könnt? An das Licht und an den Samen Gottes in euch appelliere ich: behandelt den lebendigen Geist Gottes nicht wie einen Toten!
Welches ist der Platz des George Fox und seiner Quäker in der Geschichte gewesen? Indem wir das in Kürze feststellen, wird deutlich, ob der Mann uns noch heute etwas zu sagen hat.
Weingarten hat einmal treffend das Quäkertum die geistliche Nachhut des Enthusiasmus der engli-schen Revolutionszeit genannt. Ungeheure Bewegungen sind ihm vorangegangen, auf denen es fußt, deren Gewinn es voraussetzt. Fox hat gut die unpolitische neutestamentliche Ethik der Wehrlosigkeit und absoluten Friedlichkeit predigen, nachdem zuvor der alttestamentliche Puritanismus in einer gewaltigen kriegerischen Erhebung England zur Vormacht des Protestantismus erhob; ohne das Heldentum des Schwertes kein Raum für sein stilles, friedliches Heldentum. Und ebenso hat Fox gut am Beispiel der puritanischen Revolutionskirchen seine Kirchenkritik zu Ende denken, nachdem zuvor der puritanische Kirchensturm das prunkvolle Gebäude der anglikanischen Staatskirche mit ihrem ¾ katholischen Apparat hinweggefegt hatte; ohne die gewaltigen kirchlichen Reformationen und Reduktionen der Puritaner keine Möglichkeit seines antikirchlichen Radikalismus. Auch der Enthusiasmus, das lauschen auf die Stimmen des gegenwärtigen Gottesgeistes, ist vor ihm in England aufgetreten und hat seinen eigenen Enthusiasmus angesteckt. Man lernt aus seinen Aufzeichnungen die Puritaner fast nur nach ihren schlechten Seiten kenn; und doch ist der ganze Fox und sein Quäkertum nur denkbar auf der Grundlage des puritanischen Befreiungskampfes.
Es bleibt darum doch denkwürdig, dass zu einem so scharfen Gegensatz zwischen Fox und den Puritanerkirchen der Presbyterianer, Independenten und Täufer gekommen ist. Was ist der Grund dieses Kampfes?
Die Puritanerkirchen erhoben sich alle auf objektiver, historischer Grundlage. Das historische Erlö-sungswerk Christi war für sie alle der Grund der Seligkeit und darum stand der Glaube, das Bekenn-tnis, an der Spitze ihres Christentums. Im Ernstmachen mit der absoluten Autorität der Bibel suchte jede Gemeinschaft die andere zu überbieten, jede Kirche wollte reiner nach Gottes Wort geordnet sein. So wichtig ihnen auch die Reformation des Lebens war, der Nachdruck beim Einzelnen wie in der Öffentlichkeit ruhte auf einem prononcierten Zur-Schau-stellen des Bekenntnisses, der Bibel, der kirchlichen Ordnung. Es ist vielleicht nie in der Geschichte so viel in der Bibel gelesen, so eifrig gebetet, so lang und viel gepredigt worden, wie unter der Herrschaft des Puritanismus. Und da von der Reformation her die Lehre von der auch im Christenstande bleibenden Sündhaftigkeit sich diesen Frommen eingeprägt hatte, so lag es allerdings nahe, zu meinen, dass elementare wie feinere sittliche Gebrechen durch den geistlichen Habitus, das Bekenntnis, genugsam aufgehoben würden; darin liegt die Verwandtschaft des Puritanismus und jedes Pietismus mit dem Pharisäertum.
An diesem Punkt setzt die Kritik, der Protest, der Gotteszorn unseres Quäkers ein. Ich sehe seine Eigentümlichkeit gar nicht in seinem Enthusiasmus, sondern in seiner moralischen Gesundheit und gründlichen Ehrlichkeit. Er scheint mir der aufrichtigste, Lauterste Mann seines Zeitalters zu sein und darin allerdings im Sinn Thomas Carlyles ein ganzer Held. Er hatte einen einzigen Sinn, den Sinn für Recht und Unrecht, vorausgesetzt, dass man das Wort „Recht“ in seinem weiten Sinn nimmt, da es alle Liebe und Menschlichkeit in sich schließt. Wenn man alles übersieht, was er in seinem ganzen Leben angreift, wofür er kämpft, es ist –ein paar Äußerlichkeiten, die bei ihm sehr innerlich gemeint waren, abgerechnet – immer die schlichte natürliche Moral, für die er eintritt, Recht und Liebe und Treue(MT.23): nicht lügen, nicht Unrecht tun, nicht schwören, fluchen, stehlen, nicht Gottes Namen missbrauchen, für alle Menschen den Frieden und das Gute suchen und friedlich leben mit ihnen. Er ist jedesmal empört, wenn er sieht, dass Dienstboten am Lohn verkürzt werden, dass Wirte ihre Gäste betrunken machen, dass Steuereinnehmer die Armen bedrücken, dass arme Reisende lieblos behandelt werden, dass bei einem Schiffbruch die benachbarte Bevölkerung auf den Raub stürzt, statt sich der Schiffbrüchigen anzunehmen. Aus eigener Anschauung lernte er die Sünden des englischen Rechts und Strafwesens kennen: die lange Verschleppung der Prozesse, die vorschnelle Fällung von Todesurteilen wegen unwichtiger Vergehen in Geldsachen oder das Vieh betreffend, den Missbrauch des Eides, die schauerlichen Gefängnisse mit barbarischen Kerkermeistern, die Ansteckung der Gefangenen durch die schlechte Gesellschaft, die Unterschlagung der für die Gefangenen bestimmten Speisen, die gänzliche Verwahrlosung der Familien der Gefangenen während ihrer Gefangenschaft. Wahr ist, dass sich ihm dabei zuweilen Unwichtiges als wichtiges aufdrängte und er auf dem Duzen aller Menschen und dem Aufbehalten des Hutes selbst vor den Richtern mit einem Eigensinn bestand, den wir bei Jesus und selbst seinen Jüngern nicht finden. Aber diese Äußerlichkeiten der Kon-vention hat er eben anders betrachtet; er verstand nicht und konnte nicht verstehen, wie Menschen, die doch alle Brüder sind, künstlicher Formen untereinander bedürfen. Dass er dann in seinem Rechtsinn schlechterdings keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern, zwischen Engländern und Negern oder Indianern machen kann, dass er sie alle schlechtweg als Menschen nimmt mit dem vollen Anspruch auf menschliche Behandlung , braucht kaum hinzu gefügt zu werden. Er nimmt das alles auch gar nicht als Christlich in Anspruch; das Licht, dass einen jeden Menschen erleuchtet, das Gewissen, wird in allen Menschen das gleiche Recht und Unrecht erkennen müssen.
Aber da drängte sich ihm nun die entsetzliche Frage auf: wo ist bei den Christen, bei diesen Purita-nern und Frommen(Bekennern), diese Wahrhaftigkeit, Menschlichkeit und Liebe? Als er selbst noch Trost bei einzelnen ihrer Führer suchte, erlebte er nichts als Enttäuschungen; der eine schwatzte seine Leiden und Bekümmernisse d en Dienstboten aus, ein anderer geriet mitten im Gespräch, als Fox aus Versehen auf den Rand eines Gartenbeetes trat, in solche Wut, als ob sein Haus in Flammen stünde. Sie besaßen das gar nicht, was sie bekannten. Und später machte er die Beobachtung, dass ihm und seinen „Freunden“ aus diesen Puritanerkirchen die roheste, gemeinste Verfolgung erwuchs, die sich in Amerika, in den puritanischen Musterländern, bis zur Hinrichtung einzelner Quäker steigerte. Diese Kirchen, die eben aus jahrzehntelanger Verfolgungszeit zur Freiheit gelangt waren, zeigten sich genauso unduldsam, so herrschsüchtig, so pfäffisch wie ihre früheren Verfolger, Katholiken und Anglikaner. Man kann dies Urteil als einseitig beanstanden, als einen Ausfluss sektenhaften Richtgeistes, der sich der Quäker bemächtigte; so wie es hier aussieht, haben sich Licht und Finsternis nicht verteilt, man denke nur an Richard Baxter und an Oliver Cromwell. Aber dass Fox auch guten Grund zu tiefer Beurteilung hatte, wer wird das leugnen? Eine so ausgesprochen fromme Bewegung wie der Puritanismus fordert den strengsten Maßstab heraus.
Von da aus stellte sich ihm das scharfe Entweder—Oder einer doppelten Frömmigkeit auf: die der frommen Formen und Wort, und die der Kraft. Auf der einen Seite standen ihm alle vorhandenen Religionen, Puritaner und Anglikaner und Katholiken allesamt, deren Unterschiede doch nur in den Formen bestehen, auf der anderen Seite das, was Gott will, wozu Jesus in die Welt gekommen ist. Fromm sein, das heißt die Kraft Gottes besitzen, von ihr allein beherrscht werden, dies, und dies allein. Er nannte diese Kraft den Geist oder mit Vorliebe den Samen Gottes, glaubte kühn, dass in jedem Menschen dieser Same verborgen sei, eben als das Zeugnis seines Gewissens, und dass der ein Christ sei, in dem der Same durch Gottes Wunder lebendig und mächtig über alles geworden sei. Neu waren diese Gedanken nicht, wir finden sie in der Reformationszeit besonders bei Sebastian Franck und später bei Jakob Böhme, der in der Zeit des Fox auch in England englisch gelesen wurde. Es kommt aber nicht auf die Priorität an, sondern darauf, dass sie hier bei Fox mehr als Gedanken waren, dass sie die Lebenskraft einer ganzen Gemeinschaft wurden. Und sie traten hier nicht wie in Deutschland zu einem toten Kirchentum und einer starren Orthodoxie, sondern zu den lebendigsten, jugendfrischesten Puritanergemeinschaften. Ihnen galt der für fromme Ohren wahrhaft entsetzliche Kriegsruf: nicht Bibel, nicht Bekenntnis, nicht Kirchen, sondern allein der Geist, der Gott, der in uns selber als Lehrer und als Kraft lebendig ist!
Es war eine höchst gefährliche Losung, die Fox damit aufnahm, die Losung aller Schwarmgeister und Fanatiker, aus der von Jahrhundert zu Jahrhundert die unheimlichsten und grausigsten Exzesse der Religionsgeschichte geboren worden sind. Wie leicht verbergen sich dunkles Triebleben und verworrene menschliche Einbildung unter dem hohen Titel des Geistes Gottes! Als Fox auftrat, wimmelte es in England von Enthusiasten aller Art, entfesselt durch die allgemeine Emanzipation des Revolutionszeitalters. Sie traten mit Träumen, Gesichten und Stimmen, gaben sich selbst für Christus aus und erklärten, sündlos zu sein. Alle Geschichte war ihnen bloßes Symbol ihrer eigenen Erlebnisse, man hörte geradezu die Leugnung, dass Jesu Tod eine geschichtliche Tatsache sei; sein Leiden sei ja in uns. Diese Gott- und Christustrunkenen Schwärmer wurden von den Kirchlichen Ranter, d.h. Prahler, genannt. Und bevor der Quäkername sich allgemein verbreitete, sind auch Fox und seine ersten „Freunde“ als Ranter angeschrien und verfolgt worden. Obschon Fox von Anfang an dagegen protestierte, ist es eine Tatsache, dass die ersten Quäker und einige der hervorragendsten Quäker den Rantergeist nicht losgeworden sind. Der messianische Einzug des James Nayler in Bristol ist ein echtes Ranterstück. Und äußerlich betrachtet, wer will die Offenbarungen des Fox von den Eingebungen der Ranter unterscheiden?
Aber während diese Ranter spurlos und namenlos in der Geschichte der religiösen Schwärmerei wieder untergegangen sind, bilden die „Freunde“ bis heute eine blühende religiöse Gemeinschaft von charakteristischer Eigenart. Das kommt daher, dass sie die Nüchternen, die moralisch Gesunden in dem enthusiastischen Wirbelsturm waren. Der Enthusiasmus ist bei Ihnen nur die Form, die Erstlingsform, in der sich ihre neue moralische Kraft manifestiert, nicht anders, als es beim Urchristentum der Fall war. Man erkennt an diesem Enthusiasmus die absolute Energie, mit der sie von ihrer Wahrheit erfasst waren, mochte die ganze Welt wiedersprechen. Sobald man aber auf den Inhalt achtet, stößt man auf eine schlichte Menschlichkeit, das Einfachste und Nüchternste, was jemals Erweckungsprediger gefordert haben. Fox ist kein Schwärmer gewesen, obschon ihn die von ihm erkannte Wahrheit beherrschte wie eine tiefe Schwärmerei. In keinen Augenblick seines Lebens hat er seinen klaren Sinn für Recht und Unrecht, Gut und Böse, verloren. Das rettete ihn an schwindelnden Abgründen vorbei und durch alle Verlockungen des religiösen Wahnsinns, dem manche seiner Genossen erlagen. Er war vielleicht nicht immer Herr über die von ihm entfachte Bewegung, wie ihm überhaupt das Herrschertalent abging, aber er war immer Herr über sich selbst. Das ist der eine Grund, dass das Geistprinzip ihm nichts geschadet hat: seine gründliche moralische Festigkeit und Gesundheit. Dazu kommt aber, dass der Gegensatz zum historischen Christentum nicht von ferne so tief war, wie ihn die Kampflosung des Fox: „nicht die Bibel, sondern der Geist“ könnte erscheinen lassen. Kein Mensch seiner Zeit hat mehr in seiner Bibel und aus seiner Bibel gelebt als eben Fox; seine individuelle, kernige Sprache ist ihm sogar durch den biblischen Dialekt ganz abhandengekommen. Selbst in seinen eigenen Lieblingsgedanken steht er auf dem festen Grund des Reformationsevangeliums von der den Menschen durch Gottes Gnade geschenkten und durch gar kein Eigenwerk von ferne zu verdienenden Erlösung. In allem, was er redet und tut, beruft er sich auf das Wort Jesu und der Apostel, und das ethische Ideal, das er daraus ableitet, berührt sich aufs engste mit dem täuferischen Ideal der Friedsamkeit und Wehrlosigkeit, von dem die Täufer selbst sich in den Revolutionskriegen hatten abdrängen lassen. So verleugnet er nirgends die Kontinuität mit dem Christentum der von ihm so radikal verwor-fenen Kirchen; er ist auch schon viel zu bescheiden und ehrlich, um den Anspruch zu erheben, aus dem Geist Gottes heraus ein neuer Religionsstifter zu sein. Was er eigentlich will, ist nur die radikale Reformation in Tat und Leben, das Ernstmachen mit Jesu Wort und Geist in rücksichtslosen Kampf mit allem, was Welt und Tradition darüberlegten. Stellt er also Geist und Bibel in so scharfen Gegensatz, so meint er letztlich zwei Dinge: das Recht des Laienverständnisses der Bibel im Gegensatz zum theologischen Privileg — nicht Gelehrsamkeit, sondern allein Frömmigkeit kann Gott recht verstehen — und die Notwendigkeit, die Kraft der biblischen Religion im Leben zu beweisen, statt im Besitz und Lesen des Bibelbuchs. So betrachtet, ist er keine Instanz, die sich gegen den Wert der Bibel und des historischen Christentums anführen lässt, sondern ein Zeugnis der Lebenskraft, welche aus der Berührung der Geschichte — Gottes in der Geschichte — mit einem aufrichtigen, tapferen Menschenherzen quillt. So ist auch, was wir heute brauchen, keine neue Offenbarung verborgener Seite Gottes, sondern ein ganz anderes Ernstmachen mit der uns in der Geschichte geschenkten Erkenntnis Gottes und unserer Pflicht, als das Namenschristentum es kennt.
Damit scheint mir das Wesentliche zum Verständnis des Fox angedeutet zu sein. Höchstens fehlt noch ein ganz auffallender Punkt: sein massiver Vergeltungsglaube. In seiner sittlichen Forderung überschreitet er bewusst die alttestamentliche Stufe und lebt die Ethik der Bergpredigt wie wenig Christen vor ihm. Aber in seinem Vergeltungsglauben, der ihn mit größten Eifer und innerer Zufriedenheit die jeweiligen Strafen der Quäkerverfolger, besonders die auffallenden, plötzlichen Gottesgerichte notieren ließ, kommt er uns seltsam alttestamentlich zurückgeblieben vor. Für ihn war das die notwendige Ergänzung seines extremen Spiritualismus. Der Gott, der ihn innerlich bewegte, war derselbe, der die Vorfälle des äußeren Lebens in seiner Hand hielt und durch sichtbare Strafen oder Segnungen kundgab, auf welcher Seite das Recht war. Genau so haben es Cromwell und die Independenten geglaubt. Deshalb ist es Fox doch keinen Augenblick eingefallen, etwa nun auch seine und der „Freunde“ Leiden als Strafen Gottes aufzunehmen und nach der sie verdienenden menschlichen Verschuldung zu fragen. Die entsetzlichen Misshandlungen und die empörendsten Ungerechtigkeiten der Justiz nahm er als Kind Gottes gelassen und sogar fröhlich auf, ohne an eine Strafe Gottes dabei zu denken. Das sind Inkonsequenzen. Man kann es doch wohl auch verstehen, dass ein Mann mit solchem Rechtssinn so fest sich an den Glauben an eine moralische Weltordnung auch im Äußern geklammert hat.
Die Geschichte des Fox und der Freunde, die diese Aufzeichnungen uns vorführen, zerfällt in zwei deutlich unterschiedliche Perioden. Zuerst die Sturm und Drangzeit, die Periode des extremen Enthusiasmus und der extremen Antikirchlichen Agitation. Es ist die Zeit der ersten Liebe, des größten Heroismus, aber auch einer rohen Unreife, die sich später in den langen Leidensjahren korrigiert. Fox ist damals ein Kirchenstürmer der wildesten Art gewesen, er ging darauf aus, die Leute aus den Puritanerkirchen und von den Puritanerpfarrern weg zu reißen mit allen Mitteln der Agitation. Wenn sich dann der ganze Hass der Pfarrer und ihrer Anhänger in der brutalsten Weise über ihm entlud, so ist ihm das sicher nicht unverschuldet begegnet, wenn er auch mit Recht darin eine wunderliche Manifestation des puritanischen Christentums, dieser Extrafrömmigkeit, sah, Es bestand für ihn selbst vorübergehend die Gefahr, dass das Nein in der Agitation das Ja, das Recht und die Liebe, übertöne. Es bildete sich damals ein Richtgeist unter den Freunden aus, der sie in allen anderen Gemeinschaften Babylon und den Antichrist erblicken ließ, während sie allein Jerusalem vertraten. Mit Cromwells Protektorat standen sie auf gespannten Fuß; es ist nur menschlich, dass dem toleranten Mann ihnen gegenüber wiederholt die Geduld ausging. Dazu die grässliche Schwärmerei des James Naylor, eines der Führer der Bewegung, und auf der anderen Seite die Phantastik der Weltmission, die gleich den Papst in Rom und den Sultan in Konstantinopel zu belehren strebte und Schreiben an alle Protestanten der Welt ergehen ließ, damit sie dem „ Kommen des Herrn“ nichts in den Weg stellten. Man diese Zeit in ihrer Weise mit der Sichtungszeit der Brüdergemeinde, es ist fast ein Wunder, dass die Gemeinschaft diese Schwärmerei überstand. Nun, sie haben auch dafür gelitten, und unter den Blättern aus der Geschichte religiösen Heldentums ragen zweifellos die Erzählungen des Fox aus dieser ersten Zeit immer hervor.
Die zweite Periode, welche ungefähr mit der Restauration des Königtums einsetzt, ist dann die Periode der Ernüchterung und der Organisation. Erst jetzt beginnt im vollen Sinn ihr unschuldiges Leiden, nachdem das frühere so vielfach durch eigene Schuld provoziert worden war. Nicht nur hielten sie sich in der politischen Neuordnung durchaus neutral, ja grundsätzlich unpolitisch, sodass auch nicht der Schein einer Gefahr für den Staat bestand, ihre Kirchenstürmerei hatten sie längst in dem Maß aufgegeben, als sie sich zu selbständigen Gemeinschaften mit eigenem“ Gottesdienste“ zusammenschlossen; sie taten schlechterdings niemand etwas zu leide. Dennoch hat die Verfolgung seitens des neubefestigten anglikanischen Staatskirchentums gerade sie mit besonderer Härte getroffen, z.T. wegen ihrer absoluten Eidverweigerung, die ihnen schlimm ausgedeutet werden konnte, und hat dadurch dazu beigetragen, dass auch der letzte revolutionäre Gedanke sich verlor, und gar nichts anderes übrig blieb als die gänzliche Wehrlosigkeit und Leidsamkeit, durch die einst das alte Täufertum sich in bleibendes Andenken in der Geschichte erwarb. Der stürmische Enthusiasmus war verflogen, aber der stille Enthusiasmus, mit dem das Gotteskind alles Leid, das Menschen ihm antun können, friedlich, unverbittert, ja selig im Grunde, hinnimmt, blieb als die Frucht der großen Zeit. Zugleich aber ist diese Leidenszeit die Zeit des Bauens, der Organisation. Aus der kirchenstürmerischen Bewegung geht selbst eine neue Kirche — Fox selbst braucht den Ausdruck Kirche dafür — hervor, und das erstaunlichste ist, dass nicht etwa Epigonen im Gegensatz zur ursprünglichen Tendenz des Stifters diese Verkirchlichung durchsetzten, sondern das der Begründer des quäkerischen Enthusiasmus auch der kirchliche Organisator ist. Zuerst hatten sich die Jahresversammlung und die Vierteljahresversammlungen eingebürgert zu wichtigeren Beratungen, während man am „Ersten Tag“ (dem Sonntag) zu zwanglosen Aussprachen aus der Eingebung des Geistes zusammenkam. Das war ein Anfang von Ordnung, aber dem einzelnen blieb eine ungebundene Freiheit während des ganzen Vierteljahrs. Da tat Fox im Jahr 1666 den entscheidenden Schritt zur geschlossenen kirchlichen Organisationmit der Einrichtung von Monatsversammlungen sowohl für die Männer als auch für die Frauen, vornehmlich zur Durchführung der Kirchenzucht gegen unordentliche Mitglieder, auch zur Regelung der Quäkerehen e.c. Er hat damals ganz England im Interesse dieser Organisation bereist und alle Quäker im Ausland, auf dem Kontinent, in Irland, Schottland und Amerika, zur Nachahmung dieser Organisation aufgefordert. Seine große Reformation des Quäkertums leitet er selbst von dieser neuen Verfassung her. Allein es fehlte nicht an ganz energischem Wiederstand aus den Kreisen der „Freunde“ , welche die christliche Freiheit durch eine neue Menschensatzung bedroht glaubten, in der Kirchenzucht ein unevangelisches Richten aufkommen sahen und speziell von der den Frauen in dieser Organisation gewährten Stellung nichts wissen wollten. Es ist kein Zufall, dass in diesem Zusammenhang wieder von den Rantern die Rede ist. Der alte Rantergeist, der extreme Subjektivismus und Individualismus, sah sich durch diese kirchliche Organisation ins Herz getroffen. Es berührt in der Tat seltsam, wenn man den alten Fox jetzt den göttlichen Ursprung dieser „evangelischen Ordnungen“ verfechten sieht; war das noch der Prophet und Enthusiast von damals? Und doch ist er nicht von sich abgefallen, als er für seine Gemeinschaft die für ihren Bestand notwendigen Reformen schuf. Individualist im extremen Sinn war er nie gewesen, sondern von Anfang an ein Gemeinschaftsmann, und darum Mann der Liebe und Ordnung. ER hat einfach gelernt, was jeder gereifte Mensch einmal lernen muss, dass der Geist zufließt und zerflattert, wenn er nicht durch Organisationen sich einen dauerhaften Körper geben kann. Was wüssten wir heute vom Quäkertum ohne diese kirchliche „Reformation“! Zudem ist die Quäkerorganisation unter allen mir bekannten kirchlichen Ordnungen die freieste, formloseste geblieben. Gar kein Glaubensbekenntnis, und das Erstaunlichste – keine Sakramente! Der Gottesdienst ist so, dass man zusammenkommt, auf den Geist wartet, und wenn einmal der Geist niemand zum reden treibt, sich nach stiller Versammlung die Hand gibt und friedlich auseinander geht. Bekenntnis und Verfassung und Kultus sind hier nichts, das Leben ist alles, und will, und soll sein, was es am Anfang war: Recht und Liebe und Treue, schlichte Menschlichkeit.
Man soll es nie vergessen, dass — nächst dem einzelnen Roger Williams — die Quäker die ersten waren, die mit einer unterschiedslosen religiösen Toleranz praktisch ernst machten, nicht aus Indifferenz sondern aus Glauben. Andere, wie die Puritaner, hatten nur, solang sie selbst verfolgt waren, Toleranz begehrt, und, zur Herrschaft gelangt, sie schmählich verleugnet. In Pennsylvanien hat tatsächlich jeder seines Glaubens frei gelebt. Hier bei den Quäkern zuerst ist den Frauen die volle kirchlich Gleichstellung mit dem Mann gegeben worden; es gibt kein doppeltes Recht vor Gott. Von Fox erging während seiner amerikanischen Reise die Mahnung, die Negersklaven mild und freundlich zu behandeln und sie frei zu lassen, nachdem sie einige Jahre gedient. Die Quäker sind damit im Kampf gegen die Sklaverei voran gegangen. Und wenn mehr als ein Jahrhundert später Elisabeth Fry als Reformatorin des Gefängniswesens England und den Kontinent durchzogen hat, so sehen wir aus den Aufzeichnungen des Fox, dass sie nur seine Aufgabe zu Ende führte. Es gibt kein großes Werk der Menschlichkeit und Barmherzigkeit, an dem nicht die Quäker beteiligt sind, und das nicht letztlich in dem wurzelt, was Fox als die Kraft des Samens Gottes erkannte.
Das ist doch mehr als eine historische oder religionspsychologische Merkwürdigkeit, es ist die beste Kraft des Evangeliums, es ist Jesus selbst, der hier wieder einmal die Umhüllungen, in denen ihn menschliche Schwachheit und Kleinglaube konservieren, konservieren müssen, frei heraustritt, um die Menschen einen ganzen großen Schritt aufwärts zu führen in die Richtung auf sein Gottesreich. Wir in der Schweiz und in Deutschland sind nicht Quäker und werden auch nach unserer Eigenart keine Quäkergemeinschaften bilden, (hier irrte der Verfasser bei der Niederschrift 1908, mittlerweile gibt es überall Quäkergemeinschaften, für Deutschland im Internet Informationen unter www.rgdf.de – Anmerkung der Schreibers), aber wir sind Jünger des Evangeliums nur dann, wenn wir ganz allein das wollen, was die Quäker wollten, ein Leben in der Kraft Gottes statt in den Formen und Worten, und die Richtung der Kraft: Recht und Liebe und Treue, Menschlichkeit. Viele haben gemeint, dass die Quäker keine rechten Christen seien, weil sie gar keine Sakramente haben. Aber dem steht das Wort Jesu entgegen: an den Früchten sollt ihr sie erkennen! Hätte einer unserer Kirchen solche Früchte wie die Quäker!
Das nach dem Tode des George Fox von William Penn herausgegebenen Journal, aus dem im Folgenden eine Auswahl gegeben wird, ist nicht, wie der Titel vermuten ließe, ein wirkliches Tagebuch, sondern eine zusammenhängend geschriebene Selbstbiographie, die allerdings tagebuchartige Notizen voraussetz. Es ist ein Werk des Alters, geschrieben in der Restaurationszeit, wie ich vermute, etwa im Jahre 1677, als sich Fox überhaupt an die Sammlung und Ordnung seiner älteren Dokumente machte, und dann in den folgenden Jahren noch ergänzt. Für seine relativ einheitliche Abfassung spricht einmal der durchweg einheitliche Stil, der gar keine Wandlungen aufweist, sodann die Hinzufügung einer ganzen Reihe späterer Notizen bei viel früheren Jahrgängen, vor allem der religiöse und kirchliche Geist des Ganzen. Die Anerkennung Karl Stuarts als des von Gott bestimmten rechtmäßigen Königs beherrscht das ganze Buch, von dem ursprünglichen Enthusiasmus ist wohl die Erinnerung behalten, aber aus ihm heraus geschrieben ist keine Seite, ja es lässt sich eine gewisse apologetisch Absicht nicht verkennen, auch das Quäkertum der Vergangenheit als politisch harmlos und in jeder Weise ungefährlich hinzustellen. Die Verirrungen einzelner Quäker, z.B. James Naylor sind behutsam angedeutet, aber man gewinnt keinen Eindruck, wie kritisch sie damals für das Quäkertum gewesen sind. Die Vermengung der Quäker mit den Rantern wird von Anfang an säuberlich abgewehrt, die wirkliche Entstehung des Quäkernamens aus den krankhaften Konvulsionen der „Freunde“ (Zitterer) wird verdeckt. Etwas Unwahres möchte ich in dieser Darstellung nicht sehen, wohl aber da und dort eine unwillkürliche Verschiebung, veranlasst durch die eigene Ernüchterung und den Zwang, sich der Anklagen und Verleumdungen zu erwehren. Ich glaube, dass das, was erzählt ist, immer historische Wahrheit ist; aber ob immer alles, zumal aus der Sturm- und Drangzeit, erzählt ist, was man später noch wusste, muss für uns dahin gestellt bleiben; über James Naylor wusste Fox jedenfalls noch mehr . Aus dem Gedächtnis aber kann er diesen unermesslich reichen, im Einzelnen so detaillierten Stoff nicht niedergeschrieben haben. Eine eigene Aufzeichnung der Stationen muss ihm vorgelegen haben und zugleich wohl kurze Notizenüber die merkwürdigsten Erlebnisse an den einzelnen Orten. Leider hatte er gar kein Interesse an der Chronologie; Jahreszahlen finden sich im ganzen Buch nur an den mitgeteilten Dokumenten, eigenen Briefen, Haftbefehlen usw. Dazwischen erwähnt er jedoch eine Reihe weltgeschichtlicher Begebenheiten, die der Quäkergeschichte doch ein gewisses chronologisches Gerippe geben und deshalb in der Übersetzung mit Fleiß gesammelt sind.
Die Beschränkung auf eine Auswahl ergab sich uns statt einer ganzen Übersetzung mit Notwendig-keit, weil das Ganze so gut wie keine Leser gefunden hätte. Nicht nur des Umfangs wegen. Die Erzählung wiederholt sich unendlich, und die eingelegten Briefe sind von einer ermüdenden Breite und Monotonie. Fox ist doch sich ursprünglich ein origineller Laie gewesen mit Realistischen Ausdruck und oft ungewöhnlichem Mutterwitz. Allein die Notwendigkeit, 40 Jahre lang unermüdlich reden zu müssen, und eigentlich doch immer dasselbe, hat seine Originalität stark vermindert und ihm in Sprache und Schrift die Monotonie verliehen, die im Allgemeinen den Gemeinschaftspredigern nachzugehen pflegt. Einen wesentlichen Vorzug wird man ihm gerade deshalb doch zugestehen müssen: er erzählt durchaus schlicht, ungesucht, und das gibt der Sache, die er erzählt, eine umso gewaltigere Wirkung, es steckt auch nicht ein Schimmer Eitelkeit darin. Die Übersetzerin — es ist die Tochter des Basler Kirchenhistorikers und Zwinglibiographen Rud. Stähelin — hat sich bemüht, so schmucklos schlicht zu erzählen wie er selbst und die Sache durch sich selbst reden zu lassen. Aufgenommen haben wir alles, was uns für die Charakteristik Des Fox und die Geschichte des Quäkertums wesentlich schien, speziell auch möglichst alle religiösen Merkwürdigkeiten und die zerstreuten welt- und kirchengeschichtlichen Notizen, welche die Verbindung mit der allgemeinen Geschichte ermöglichen. In dieser beschränkten Auswahl, die im Grunde doch alles Wesentliche wiedergibt, wird, wie wir nicht zweifeln, die Lektüre unseres Buches Vielen Genuss bringen, und, hoffen wir, etwas Besseres als Genuss. Carlyle hat einmal im Sartor Resartus das merkwürdigste Ereignis der neuern Geschichte den George Fox genannt, der sich einen Anzug von Leder machte. Wer diese Aufzeichnungen lesen wird, der wird seine Paradoxie verstehen. P. Wernle
Kapitel I.
Erweckung und Krisis bis zum Durchbruch (1624 – 1649)
Auf daß Jedermann wisse, was der Herr an mir getan hat, und sehe, wie er mich durch mancherlei Prüfungen, Versuchungen und Trübsale führte, um mich für das Werk, für das er mich bestimmt hatte, vorzubereiten und auszurüsten, und dadurch getrieben werde, seine unendliche Güte und Weisheit anzubeten und zu preisen – so will ich kurz berichten, wie es in meiner Jugend um mich stand, und wie das Werk des Herrn in mir angefangen und fortgesetzt wurde seit meiner Kindheit.
Ich wurde geboren im Monat den man Juli nennt (Fox verwarf die üblichen Monatsbezeichnungen als heidnisch) 1624, zu Drayton in-the-Clay (jetzt Fenny Drayton ), in Leicestershire. Mein Vater hieß Christoph Fox; er war Weber von Beruf, ein ehrbarer Mann, und es war ein „Same von Gott“ in ihm. Meine Mutter war eine rechtschaffende Frau; ihr Mädchenname war Mary Lago, aus der Familie der Lago und aus dem Geschlecht der Märtyrer.
In meiner frühesten Kindheit war ich so ernsten und gesetzten Gemütes, wie es Kinder selten sind, so daß, wenn ich Erwachsene leichtfertig und ausgelassen tun sah, ich eine Abscheu davor in meinem Herzen verspürte und zu mir sagte: „ Wenn ich einmal ein Mann sein werde, sicherlich werde ich nicht so leichtfertig tun.“
Als ich elf Jahre alt war, wußte ich schon was rein und recht ist; denn ich war als Kind gelehrt worden, wie man rein bleibt. Der Herr lehrte mich, treu zu sein in allen Dingen, sowohl innerlich gegen Gott als auch äußerlich gegen die Menschen; und daß ich mich in allen Dingen an „ja“ und „nein“ halten soll; nicht wie die Kinder der Welt, die ihren Mund voll List und gleißnerischer Worte haben, sondern meine Worte sollen: wenig sein, „lieblich und mit Salz gewürzt“ (Kol. 4,6); und daß ich nicht essen und trinken solle, um mich wollüstig zu machen, sondern um der Gesundheit willen, jedes Ding dazu gebrauchend, wozu es bestimmt ist, zur Ehre dessen, der alles geschaffen hat ….
Als ich dann heranwuchs, wollten meine Angehörigen einen Priester (Fox bezeichnet mit priest die ordinierten Geistlichen, hier und überall auf Personen bezogen, die gegen Bezahlung predigten, ungeachtet der besonderen Sekte, zu der sie gehörten) aus mir machen. Aber andere rieten zu anderem; so kam ich zu einem, der seines Zeichens Lederhändler war, aber mit Wolle handelte und Vieh züchtete und verkaufte; und es ging mancherlei durch meine Hände. Während ich bei ihm war, war er gesegnet; aber nachdem ich ihn verlassen, ging es ihm schlecht und er geriet in Verfall. Während dieser ganzen Zeit tat ich weder gegen einen Mann noch gegen eine Frau etwas Unrechtes; denn die Kraft des Herrn war mit mir und bewahrte mich. Während ich in diesem Dienste stand, gebrauchte ich im Verkehr das Wort „wahrlich“, und es war eine übliche Redensart bei meinen Bekannten: wenn George sagt „wahrlich“, so kann ihn nichts umstimmen. Wenn die Buben oder rohen Leuteüber mich lachten, kümmerte ich mich nicht um sie, sondern ging meiner Wege; aber gewöhnlich hatten mich die Leute gern wegen meiner Geradheit und Ehrlichkeit.
Als ich, noch nicht ganz neunzehnjährig, in Geschäften an einem Jahrmarkt war, kam mein Vetter, namens Bradford, ein „Frommer“ (Professor) und mit ihm noch ein anderer „Frommer“ und forderten mich auf, mit ihnen einen Krug Bier zu trinken, und da ich durstig war, ging ich mit ihnen hinein; denn ich liebte jeden, der Sinn für das Gute hatte und den Herrn suchte. Als jeder ein Glas getrunken hatte, fingen sie an, sich zuzutrinken und verlangten noch mehr, indem sie ausmachten, daß der, welcher nicht trinken würde, alles bezahlen sollte. Es betrübte mich, daß jemand, der sich für religiös ausgab, solches tat; sie taten mir sehr weh, denn es war mir dergleichen noch nie vorgekommen bei keiner Art von Menschen; darum stand ich auf um zu gehen, indem ich meine Hand in die Tasche steckte, einen Groschen vor sie auf den Tisch legte und sagte „wenn es so ist, will ich euch verlassen.“ So kehrte ich nach Hause zurück, aber ich ging in jener Nacht nicht zu Bett, denn ich konnte schlafen; bald ging ich im Zimmer auf und ab, bald betete und schrie ich zum Herrn, welcher also zu mir redete: „Du siehst, wie junge Leute zusammen gehen in Eitelkeit und alte Leute in die Erde. Die mußt dich von ihnen abwenden und dich von ihnen, bei jungen wie den alten, fern halten und ihnen allen ein Fremdling werden.“